Liebe Leserin, Lieber Leser!
Zwei Wochen sind seit meinem letzten Eintrag vergangen. Ich möchte gleich kurz gefasst mit der wichtigsten Information rausrücken:
Es hat sich einiges getan. Soviel aber auch wieder nicht. Es ging auf und ab. Also so wie bei Dir vielleicht auch. Hört sich nicht so spannend an? Deshalb habe ich es für Dich mit etwas Landeskunde und sinnigen Kommentaren garniert.
Am 5. April lief ich bei einem unbedeutenden Volkslauf durchs Zentrum von Santiago mit. Die Sonne knallte wie blöd und ich konnte meine Zeit nicht wie gewünscht verbessern. Daraufhin musste ich gleich zwei Wochen (19.4.) später wieder ran um diese Scharte wieder auszuwetzen: Beim Halbmarathon, veranstaltet von den Carabiñeros, der hiesigen paramilitärischen Polizei. Eine fantastische Sache. Die Sonne brannte genauso wie beim letzten Mal, aber ein Sonnenschutz und eine ansonsten radikal verknappte Bekleidung beschleunigten mich um fantastische drei Minuten. Das Beste aber war das – in Deutschland leider undenkbare – Rahmenprogramm nach Ende des Laufs: Hundestaffelkunststücke, Hubschrauberbesichtigung, altdeutsche Marschmusik inklusive Tusch bei der Siegerehrung und die Polizeihymne nebst vielfältiger Lobhudeleien für die edle Institution. Selten habe ich mich so bewacht und sicher gefühlt. Hier ist die Welt noch in Ordnung.
In der darauf folgenden Woche ging’s dann steil nach unten: Im Keller (-2) des ehemaligen Luxushotels Carrera untersuchte ich die Akten des chilenischen Außenministeriums nach Brauchbarem.

Krupp hat schon vor mir in Chile investiert.
Ab und An tauchte ich zum Luftholen ins über mir brodelnde Zentrum Santiagos auf. Dabei fand ich immer wieder Überraschendes und Interessantes vor. Am Dienstag (21.4.) stand ein Pferd vor der Tür des Ministeriums. Und dahinter noch eins. Und auf der gegenüberliegenden Straßenseite auch. Ich möchte Dir diesen Anblick nicht vorenthalten.

Obs dem Premier von Malaysia gefallen hat?
Anlass war offenbar ein Staatsbesuch. Wie gesagt, hier ist die Welt auch für das Heer noch in Ordnung. Dem militärisch Interessierten wird sicher der schicke Stahlhelm Modell Ostfront 1941 aufgefallen sein. Nur sind die hier viel besser geputzt.
Am Mittwoch abend konnte ich, eben den Akten entstiegen, vor dem Präsidentenpalast Moneda einen ganz anderes Motiv festhalten. Es illustriert gut den entspannten Lebensentwurf des durchschnittlichen chilenischen Arbeitnehmers (Busfahrer ausgenommen).

Der Brunnen rennt eindeutig nicht weg.
Am Mittwoch Abend wurde ich durch meinen mir in Santiago zur Seite stehenden Professor vom Abendessenstisch weg zu einem Vortrag meiner DDR-Arbeit bei einer am nächsten Tag stattfindenden Konferenz rekrutiert. Der chilenische Rotwein erleichterte mir die nächtliche Vorbereitung meines Manuskripts enorm. Schön, dass man mir das am Donnerstag nicht mehr allzu sehr anmerkte.

Ganz links unser Mann in den Anden.
Weit hinauf stemmen musste ich meinen vom Smog Santiagos und dem Aktenstudium verstaubten Körper am Samstag (25.4.). Mit den Arbeitskollegen meiner ecuadorianischen Bekannten [vgl. Artikel „Andine Ufologie“], mit denen ich zu Ostern schon den Vulkan Chillán im Süden erklommen hatte, war diesmal ein Berg in der Nähe Santiagos das Ziel.
Nach fünf Stunden wandern in dünner Luft und daraus resultierendem dickem Kopf erreichten wir den Gipfel des Cerro Pintor (4220 Meter), mit fantastischem Ausblick auf den dahinter liegenden Plomo (5450 Meter), ein schneebedecktes Monstrum, dass man an klaren Tagen auch von Santiago aus zu sehen bekommt.
In dieser Woche dann wieder der Abstieg in den Archivkeller. Nur die aufmunternden Worte der Archivarinnen („Das ist aber toll, sie sind erst eine Woche hier und haben schon ein Zehntel ihrer Akten abgearbeitet!“ – Oder nach dem Begrüßungsküsschen: „Haben sie schon von der Schweinegrippe gehört? Ich war heute Vormittag bei einem Vortrag einer mexikanischen Delegation.“) und die Ergebnisse des SC Freiburg erhalten meine Laune über Normalnull. Mein letzter Aufstieg aus den Untiefen förderte auch nichts wirklich Tolles zutage: In Santiago ist der Herbst angebrochen. Daraufhin wurden vom Wettergott (oder vom Klimapapst Al Gore, wer weiß) gleich einmal zehn Grad Temperatur abgeschlagen und Morgennebel eingeführt. Für einen sonnenverwöhnten Mitteleuropäer alles gar net so toll. Es geht halt bergauf und bergab…
Damit dieser Artikel nicht negativ endet, noch ein letzter Höhepunkt: Der Ausblick vom Dach meines Wohnhaus auf den nahegelegenen Parque Bustamante.

Lieber Alex von Humboldt II.,
allet schick, wa? Bei den ganzen bahnbrechenden Entdeckungen und Offenbarungen bin ich mir nicht sicher, ob nicht vielleicht ein transformierter Osterhase seit Paques hier den unschuldigen Archiv-Nutzer spielt.
Zudem können die Ergebnisse der grünen Fisch-Stinker nur mittelmäßig überzeugen, der Aufstieg aus dem Mittelmaß scheint im Gegensatz zum SC noch nicht ausgemacht.
Auf Verdacht trotzdem die besten Grüße aus der weiterhin gottlosen Hauptstadt (Deine Stimme hat gefehlt, sorry),
El 2’08”
Super-Bildimpressionen aus Santiago und den Anden, ein praktisch gewonnener Carabinieros-Halbmarathon trotz an radikal verknappter Rennkleidung zerrender Signoras, schweinegrippeträchtige Begrüßungsküsschen von schnuggligen Archivarinnen mit Mexico-Kontakten – wer wird denn da einem Santiago-Herbst-Blues anheim fallen! Und: Hier wird’s Sommer und der SC ist glanzvoll aufgestiegener Zweitligameister!
Bis bald – Babbe